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 Deutsche Literaturgeschichte

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Varulven
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BeitragThema: Deutsche Literaturgeschichte   Sa Dez 15, 2007 10:47 pm

Deutsche Literaturgeschichte und literarische Epochen vom Barock bis heute

* Barock
* Aufklärung
* Sturm und Drang
* Klassik
* Zwischen Klassik und Romantik
* Romantik
* Biedermeier
* Vormärz
* Realismus
* Jahrhundertwende
* Von der Jahrhundertwende bis 1933
* Exil/Innere Emigration/Nazi-Literatur
* Nachkriegszeit
* Gegenwart


Nachfolgend werden jedoch nur einige Epochen ausführlich beschrieben.

Quelle


Zuletzt von am Sa Dez 15, 2007 11:02 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet
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BeitragThema: Re: Deutsche Literaturgeschichte   Sa Dez 15, 2007 10:51 pm

Barock

Von Dr. Axel Sanjosé

Keine Epoche der europäischen Kulturgeschichte ist so von Widersprüchen geprägt wie das Zeitalter des Barock, und doch hat es durch die dauernde Synthese der unterschiedlichen Elemente kaum je einen derart dichten Zusammenhang in Literatur, Malerei und Musik gegeben. Hatten Humanismus und Renaissance den Blick auf das Diesseits gelenkt und ein säkularisiertes Weltbild entworfen, so verändert das Barock, ganz im Zuge der Gegenreformation, wieder die Perspektive: der Tod ist allgegenwärtig, die durchaus vorhandene Weltlust ist stets von der Gewißheit ihrer Endlichkeit überschattet. Die Welt wird zwar nicht mehr wie im Mittelalter als Jammertal gesehen, aber ihre Freuden und ihre Schönheit haben keinen Bestand. Für das transzendente Bewußtsein der Epoche ist alles Irdische nur Schein und Trug – und dennoch wird es nicht negiert, sondern gerade aufgrund seiner fehlenden Dauerhaftigkeit zum Objekt des gesteigerten Interesses, ja der Begierde.

Auch die deutsche Barockliteratur steht im Spannungsfeld von Lebensfreude und Todesbangen, Weltgenuß und Jenseitssehnsucht. Nirgendwo hatte sich der Tod als so allmächtig, irdisches Glück als so wechselhaft, Hab und Gut als so unsicher erwiesen wie in den vom Dreißigjährigen Krieg heimgesuchten Gebieten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Vergänglichkeit heißt das Schlagwort: ob Christian Hofmann von Hofmannswaldau in seinem berühmten Gedicht Vergänglichkeit der Schönheit beim Anblick einer jungen Frau, ob Andreas Gryphius im beklemmenden Sonett Wir sind ja nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verhehret (1637) anläßlich der Zerstörung Magdeburgs oder Simon Dach in der Klage über den endlichen Vntergang vnd ruinirung der Musicalischen Kürbs=Hütte vnd Gärtchens über das Verschwinden eines harmlosen Vorstadtgärtchens, das den Königsberger Poeten – die sich nebenbei die »Sterblichkeitsbeflissenen« nannten – als Treffpunkt diente – immer ist die Unbeständigkeit alles Materiellen zugleich Ausdruck der Todesgewißheit, aus jeder Zeile tönt das Memento mori ('Gedenke des Sterbens'), welches das damalige Lebensgefühl durchdrang.

Alles, was der Mensch sich im Diesseits ersehnt, ist eitel: Glück, Macht, Erfolg, Reichtum, Liebe, Lust: der Vanitas-Gedanke beherrscht alle Lebensbereiche und wird auch in der Literatur auf unterschiedlichste Weise thematisiert. Gryphius, der bedeutendste Lyriker und Dramatiker des deutschen Barock, hat in seinen Bühnenwerken, allen voran Leo Armenius (1650), die menschliche Geschichte nicht als Entwicklung, sondern als Vergänglichkeit poetisch definiert; das Scheitern der Figuren geschieht nicht aus tragischem Konflikt, es erfolgt aus transzendentaler Notwendigkeit, denn ihr Streben nach Größe bedeutet bereits ihren Fall.

Derselbe Vanitas-Gedanke liegt Daniel Casper von Lohensteins blutrünstigen, alle erdenklichen Laster und Verirrungen darstellenden Stücken zugrunde (u. a. Sophonisbe, 1680), und nicht anders steht es mit dem größten Roman der Epoche, Hans Jakob Christoph von Grimmelshausens Der Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch (1669), dessen Held in eine Welt der Exzesse, der Brutalität und der Gier geworfen wird und darin Höhen und Abgründe selbst durchlebt um der Erkenntnis willen, daß alles Streben eitler Wahn ist.

Diese Grundhaltung förderte auch im hohen Maße die Entstehung von geistlicher Dichtung. Das Kirchenlied, das durch die Reformation – zunächst als wirkungsvolles Mittel im Konfessionsstreit – in Deutschland zentrale Bedeutung erlangt hatte, erreichte nun durch Paul Gerhardt (O Haupt voll Blut und Wunden), Georg Neumark (Wer nur den lieben Gott läßt walten), Johann Rist (O Ewigkeit, du Donnerwort), Paul Fleming und andere nun seinen Höhepunkt. Darüber hinaus schufen Gryphius, Dach, Angelus Silesius (eigtl. Johannes Scheffler) und Daniel von Czepko religiöse Lyrik von großer Tiefe und sprachlicher Schönheit.

Nicht nur in der geistlichen Dichtung ist das Grelle und Wuchernde, das die Barockzeit oft kennzeichnet, weitgehend aufgehoben. Vor allem in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und vornehmlich im norddeutschen Raum neigt die Literatur weniger zum Höfisch-Repräsentativen, sondern trägt eher bürgerliche Züge, ist schlichter und strenger. Doch auch hier wirkt sich der Geist der Epoche aus. Was sich im Extremfall als Manieriertheit und Schnörkel manifestiert, ist auch in diesen weniger 'spektakulären' Barockdichtungen zu finden: der Wille zur Form, der im 16. Jahrhundert noch kaum ausgeprägt gewesen war.

Nun kommt es auf die artistische Disziplinierung an, auf die kunstvolle Anwendung poetischer Formen. Grundlegend und von weit über seine Zeit hinausreichender Bedeutung war das an der europäischen Renaissance und der klassischen Antike orientierte Werk Martin Opitz', der in vielerlei Hinsicht als 'Vater der deutschen Literatur' angesehen werden kann. Sein Œuvre umfaßt Sonette, Oden und Epigramme ebenso wie Dramen (Aristarchus, 1617) und Hirtendichtung (Schäfferey von der Nimfen Hercinie, 1630), die allesamt zu stilistischen und formalen Vorbildern wurden. Mit seinem Buch von der Deutschen Poeterey (1624) schrieb er die Poetik des 17. Jahrhunderts, in der er Gattungsabgrenzungen, Stilmittel und die Anwendung von Dichtung behandelte. Mit seiner Forderung nach einer akzentuierenden Metrik, durch die Wort- und Versakzent in Einklang gebracht wurden, schuf er die Voraussetzung für die Entfaltung der deutschen Lyrik.
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BeitragThema: Re: Deutsche Literaturgeschichte   Sa Dez 15, 2007 10:56 pm

Mit seinen Bemühungen um die deutsche Sprache und Dichtung stand Opitz allerdings nicht allein. Seinem Beispiel folgten zahlreiche namhafte Literaten der Zeit und verfaßten teils erweiterte, teils anders konzipierte Poetik-Bücher, u. a. Philipp von Zesen (1640), Johann Peter Titz (1642), Johann Klaj (1645), Georg Philipp Harsdörffer (Poetischer Trichter, 1647–50), Andreas Tscherning (1658) und Daniel Georg Morhof (1682). Nicht nur die Regulierung der Dichtkunst, sondern auch die Pflege und Förderung der deutschen Sprache war das Ziel der im 17. Jahrhundert zahlreich gegründeten Sprachgesellschaften, deren Mitglieder neben Literaten und Gelehrten sich aus Fürsten, Adligen und Hofbeamten rekrutierten. Die bedeutendste war die Fruchtbringende Gesellschaft (nach ihrem Wappen auch Palmenorden genannt), die 1617 ins Leben gerufen wurde. Daneben bestanden die Aufrichtige Tannengesellschaft (1633), die Teutschgesinnte Genossenschaft (1643), der Nürnberger Kreis der Pegnitzschäfer (1644) und der Elbschwanenorden (1658); die meisten Dichter der Zeit gehörten als korrespondierende Mitglieder einer, meist sogar mehreren dieser Vereinigungen an.

Welche zentrale Rolle die Form im Barock spielte, zeigt sich nicht nur in diesen normativ-didaktischen Bemühungen, sondern ist in den Werken selbst deutlich feststellbar. In Lyrik, Drama und Prosa bediente man sich einer großen Vielzahl rhetorischer Figuren, bei denen vor allem Metaphern und Allegorien als besonders komplexe Wort-Sinn-Verbindungen den Vorrang genossen. Vorgeprägte Schemata wurden immer wieder verwendet: antike Topoi und die zu jener Zeit zum Volksgut gewordenen Embleme charakterisieren die Dichtwerke, die oft nur durch deren Kenntnis entschlüsselt werden können.

In diesem literarischen Gestus treffen sich die zwei Tendenzen des Barock: einerseits die Vorliebe für eine Gestaltungsweise, deren Doppelbödigkeit dem Transzendenzbewußtsein entspricht, andererseits die Neigung zum Effekthaften, die sich in der virtuosen Handhabung des Sprachmaterials objektiviert. Jenseitsgewandtheit und Vergänglichkeitskult sind untrennbar verbunden mit Lebenslust, ja Lebensgier: auf der Rückseite des memento mori steht carpe diem ('Nutze den Tag').

Eine eigenartige Synthese bildeten die Jesuitendramen, deren strenge religiöse Botschaft durch einen ungeheuren Aufwand, ein theatralisches Feuerwerk, wie es bühnentechnisch erst wieder im 20. Jahrhundert erreicht wurde, bis zur Unkenntlichkeit übertüncht wurde: das Spektakel der Haupt- und Staatsaktionen stand ganz im Zeichen von Pomp und Repräsentationssucht, der Glanz der Welt, dessen Vergänglichkeit und Sündhaftigkeit demonstriert werden sollte, gab selber den Rahmen für das Dargestellte.

Die Anziehung durch das Exotische, wie sie in den Reise- und Abenteuerromanen zum Ausdruck kam, etwa in Heinrich Anselm von Zigler und Kliphausens Die Asiatische Banise, Oder das blutig doch muthige Pegu (1689), finden wir im ausgehenden 20. Jahrhundert ebenso wieder wie das gesteigerte Interesse für Rätselhaftes, Verborgenes und Okkultes, wie es für die Schriften Athanasius Kirchners und vieler anderer Gelehrter der Zeit charakteristisch war. Die Suche nach immer neuen Ausdrucksmitteln verbindet den abstrus-faszinierenden Kühlpsalter von Quirinus Kuhlmann und die der Lautpoesie sich nähernden Gedichte Johann Klajs mit experimentellen Texten von Oskar Pastior und HC Artmann, die das Barock in ihren Schriften auch explizit einbeziehen.
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BeitragThema: Re: Deutsche Literaturgeschichte   Sa Dez 15, 2007 10:58 pm

Romantik

Von Dr. Axel Sanjosé

Die romantische Poesie ist eine progressive Universalpoesie. Ihre Bestimmung ist nicht bloß, alle getrennten Gattungen der Poesie zu vereinigen und die Poesie mit der Philosophie und Rhetorik in Berührung zu setzen. Sie will und soll auch Poesie und Prosa, Genialität und Kritik, Kunstpoesie und Naturpoesie bald mischen, bald verschmelzen, die Poesie lebendig und gesellig und das Leben und die Gesellschaft poetisch machen, den Witz poetisieren und die Formen der Kunst mit gediegenem Bildungsstoff jeder Art anfüllen und sättigen und durch die Schwingungen des Humors beseelen. Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten, wieder mehrere Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den das dichtende Kind aushaucht in kunstlosem Gesang.

Dieses programmatische 116. Athenaeum-Fragment von Friedrich Schlegel enthält in nuce alle entscheidenden Aspekte der Welt- und Kunstauffassung, die jene breite Bewegung kennzeichnen, mit der an der Schwelle zum 19. Jahrhundert nicht nur eine neue literarische Strömung, sondern auch ein neues Lebensgefühl sich Ausdruck verschaffte. Wie weit entfernt ist diese ästhetische Grundsatzerklärung von dem, was als trivialisierter Begriff heutzutage unter dem Stichwort Romantik in den Köpfen herumschwirrt! Der verkitschte See bei Mondschein, das für zwei Personen gedeckte Tischlein mit Kerzenschimmer enthalten nur noch völlig degenerierte Spuren jenes Kunst- und Lebenskonzeptes.

Von den Brüdern August Wilhelm und Friedrich Schlegel in ihrer Zeitschrift Athenaeum (1798–1800) sowie in ihren Vorlesungen Über schöne Kunst und Literatur (1802–1805) theoretisch begründet, sah die Romantik in der Poesie mehr als bloße Dichtkunst: Poesie bedeutete Bewußtseinserweiterung, Überwindung aller Grenzen, Versöhnung von Mensch und Natur. Als Gegenbewegung zur rationalistischen Spätaufklärung und im Kontrast zur formalen Strenge der Klassik steigerten die Romantiker, durchaus in der Tradition von Empfindsamkeit und Sturm und Drang, das schöpferische Ich ins Universale: ihm war es durch die Macht der Phantasie gegeben, Gegensätze zu vereinen, Traum und Wirklichkeit miteinander zu verschmelzen und die empirische Realität in einer höheren Wirklichkeit aufgehen zu lassen.

Doch ging es den Romantikern nicht darum, durch Literatur eine Welt der Illusion entstehen zu lassen, sondern um eine ganzheitliche Poetisierung des Lebens, die in den Biographien vieler Vertreter der Romantik in Briefen und Handlungen ihren Ausdruck fand. So konvertierten z. B. Friedrich Schlegel, Clemens Brentano und viele andere zum Katholizismus, als Zeichen für die Hinwendung zum Metaphysisch-Religiösen, oder wurde Novalis' Krankheit und früher Tod dahingehend gedeutet, er sei seiner dreizehnjährigen Braut, die drei Jahre vor ihm verschied, »entgegengestorben«. Krasser war in der Konsequenz ihres Handelns Karoline von Günderode, Verfasserin von diversen Skizzen und Gedichten (darunter Poetische Fragmente, 1805) – eine der legendären Frauen der Romantik: als ihr verheirateter Geliebter seine Scheidungsabsichten aufgab, erstach sie sich auf einem Friedhof.

Novalis jedoch (eigentlich Friedrich von Hardenberg) kann nicht nur wegen seines Lebenslaufes als der Romantiker par excellence angesehen werden. Seine Hymnen an die Nacht (1797) sind reinster Ausdruck der romantischen Sehnsucht nach einer höheren Welt: nach der Ewigkeit. Die Nacht, als Gegenstück zum klaren, nüchternen, geschäftigen Tag, wird in der Romantik zum Sinnbild für das Mysteriöse und Rauschhafte, für den Tod als Aufhebung aller Grenzen. Ein anderes Symbol für dieses Streben nach Harmonie zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Endlichem und Unendlichem ist die Blaue Blume, jenes mythische Objekt der Sehnsucht, auf dessen Suche der Titelheld in Novalis' Roman Heinrich von Ofterdingen (1802), stellvertretend für den romantischen Künstler, sich befindet. Die Unerreichbarkeit der Blauen Blume, die reale Unerfüllbarkeit der Sehnsucht und das damit verbundene ewige Streben bestimmen das romantische Denken und Fühlen, dessen Ziel nicht konkrete Veränderung, sondern Eingehen in das All-Eine des Kosmos ist.

Diesem Selbstverständnis entspricht die Form der literarischen Werke, die keine Geschlossenheit und Vollkommenheit wollen: sie sind offen, bruchstückhaft, uneinheitlich. Vorbilder sind, neben Goethe mit seinem Wilhelm Meister, Shakespeare und Cervantes, weil in ihrer Dichtung ein organischer, chaotischer Kosmos enthalten ist, der als Verwirklichung der Einheit von Literatur und Leben verstanden wurde. Nicht nur Novalis' Roman blieb Fragment; das Unabgeschlossene, Sprunghafte gehörte zum Programm. Eine lose, völlig freie Aneinanderreihung von Briefen, Reflexionen, Märchen und Allegorien bildet z. B. Friedrich Schlegels Roman Lucinde (1799), der bei seinem Erscheinen für einen handfesten Skandal sorgte, da er sich über die moralischen Vorstellungen seiner Zeit kühn hinwegsetzte.

Vor allem die frühe Romantik hatte eine sehr progressive Auffassung von der Rolle der Geschlechter und der Form partnerschaftlicher Beziehungen. Zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Literatur traten Frauen nicht mehr als zufällige Einzelerscheinungen, sondern als gleichberechtigte, teils sogar zentrale Gestalten des literarischen Lebens ins Rampenlicht: Karoline Schlegel-Schelling (geb. Michaelis), die Frau von August Wilhelm Schlegel und seit 1803 des Philosophen Wilhelm von Schelling, war der Mittelpunkt des romantischen Zirkels in Jena und verkörperte das Bild der unabhängigen, selbstbewußten Frau. Als ihr Berliner Gegenstück kann Rahel Varnhagen von Ense, geb. Levin angesehen werden, deren Salon der Treffpunkt für alle Dichter, Künstler und Philosophen der Romantik war; ihre Briefe (1834 von ihrem Mann herausgegeben unter dem Titel Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde) sind ein wertvolles Dokument der frühen Emanzipationsbewegung in Deutschland.
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BeitragThema: Re: Deutsche Literaturgeschichte   Sa Dez 15, 2007 11:00 pm

Dorothea Schlegel, die Tochter des Aufklärers Moses Mendelssohn, vor ihrer Ehe mit Friedrich Schlegel mit dem Bankier Simon Veit verheiratet, war selber als Schriftstellerin (Romanfragment Florentin, 1801) und Übersetzerin (Corinna von Madame de Staël) tätig. Auch Bettina von Arnim, die Schwester Clemens Brentanos, trat – allerdings erst nach dem Tod Achim von Arnims – literarisch hervor und fand mit ihrem verklärenden, teils sehr frei umgearbeiteten Band Goethes Briefwechsel mit einem Kinde (1835) große Beachtung. 1840 schrieb sie Die Günderode, eine Biographie über die tragischste Frau der deutschen Romantik.

Wie Friedrich Schlegel und Novalis hat auch Ludwig Tieck in seinem Roman Franz Sternbalds Wanderungen, eine altdeutsche Geschichte (1798) einen Künstler in den Mittelpunkt gestellt, dessen Wandern ohne eigentliches Ziel ein weiteres Beispiel für das romantische Ur-Konzept bietet, wie in Heinrich von Ofterdingen ist der Schauplatz der Handlung das Mittelalter. Ein Jahr zuvor hatte Wilhelm Heinrich Wackenroder mit den Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, an deren Entstehung Tieck beteiligt war, eine Bekenntnisschrift veröffentlicht, die nicht nur eine durch und durch romantische Äußerung eines tief erschütterten, ganz von subjektiver Innerlichkeit beherrschten Lebensgefühls war, sondern auch – gewissermaßen als Gegenstück zu Winckelmanns Erschließung der griechischen Antike für die Klassik – eine poetische Entdeckung des Mittelalters.

Gerade von der Aufklärung als 'dunkel' herabgewürdigt, wurde diese Epoche nun zum untergegangenen Zeitalter der noch bestehenden Harmonie verklärt. Dabei ging es kaum um das historisch belegbare Bild des Mittelalters, das vielen Romantikern weitgehend unbekannt blieb, sondern um eine idealisierte, aus der Betrachtung gotischer Bauten und der Lektüre der Minnesänger geahnte, letztlich zeitlose Ära, deren Verlust in der Gegenwart, die man als schnöde und vom Philistertum beherrscht erlebte, beklagt und deren Wiederkehr mit Hilfe der Poesie ersehnt wurde.

Dieses ganz aus einem poetischen Geist geborene Verständnis des Mittelalters, das die Frühromantik (wegen ihres Hauptwirkungsortes auch Jenaer Romantik genannt) prägte, wandelte sich in der zweiten Phase, der sogenannte Hoch- oder Heidelberger Romantik. Nun wurde nach greifbaren Dokumenten der Vergangenheit gesucht, das Historische gewann an Bedeutung, und besonders die Volksdichtung, in der das verloren gegangene Urwissen um die Einheit aller Dinge vermutet wurde, rückte in den Mittelpunkt des Interesses. Aus dieser Haltung heraus, die auf wissenschaftlichem Gebiet die Begründung der Geschichtswissenschaft und der Philologie in unserem heutigen Sinn zur Folge hatte, wurden Volkslieder, Volksmärchen und Volkssagen zusammengetragen: die berühmtesten Sammlungen sind Achim von Arnims und Clemens Brentanos Des Knaben Wunderhorn, alte deutsche Lieder (1806–1808) und die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Jakob und Wilhelm Grimm (1812–1814).

Um Volksliedhaftigkeit hatte sich allerdings die gesamte Lyrik der Romantik bemüht, und so sind zahlreiche Gedichte dieser Epoche weit über die Grenzen von Literaten- und Wissenschaftlerkreisen hinaus bekannt geworden, etwa Novalis' Wenn alle untreu werden, Brentanos Der Spinnerin Lied, Max von Schenkendorfs Freiheit, die ich meine, Hauffs Morgenrot, Morgenrot, leuchtest mir zum frühen Tod, und Ludwig Uhlands Ich hatt' einen Kameraden. Eine besondere Stellung nimmt in dieser Hinsicht Wilhelm Müller ein, dessen Gedichte – nicht zuletzt durch Schuberts Vertonungen – den Charakter echter Volkslieder angenommen haben, so Das Wandern ist des Müllers Lust, Im Krug zum grünen Kranze, Am Brunnen vor dem Tore, Ich schnitt' es gern in alle Rinden ein etc.

Ein weiteres Kennzeichen Müllers, seine Begeisterung für den damaligen Freiheitskampf der Griechen (die ihm den Beinamen Griechenmüller eintrug), stellt einen direkten Bezug zur europäischen Romantik her: diese z. T. als Gräkomanie belächelte Haltung hatte prominente Vertreter: kein geringerer als Byron rekrutierte Truppen, um in den Krieg gegen die osmanische Herrschaft einzugreifen. Er starb in Mesolongion, am Golf von Piräus. Dies zeugt vom politischen Protestpotential der romantischen Idee, die in Frankreich, Italien und Spanien ebenso wie in Rußland und Polen eine Generation von jungen, idealistischen Dichtern erfüllte.

Eine deutsche Sonderentwicklung besteht in der Geburt des Reaktionären aus dem Geist der Romantik: auf der einen Seite mehrten sich die – ursprünglich z. T. progressiv motivierten – nationalen Töne, die von Autoren wie Ernst Moritz Arndt (Der Gott, der Eisen wachsen ließ, Was ist des Deutschen Vaterland?) und Justinus Körner (Leyer und Schwert, 1814) zunehmend mit einer konservativen Haltung verbunden wurden; der Publizist Joseph von Görres etwa wirkte nach einer kurzfristigen Verbannung wegen seines Buches Deutschland und die Revolution (1819) als christlich-konservativer Essayist und Herausgeber. Im Vergleich zu anderen war Eichendorff trotz seiner unverhohlen anti-revolutionären Gesinnung ein vergleichsweise eigenständiger und toleranter Geist. Brentano glitt in einen mystischen Katholizismus, und Friedrich Schlegel, der im Athenaeum die Französische Revolution noch als eines der herausragendsten Ereignisse seiner Zeit bezeichnet hatte, wechselte nach einem Jahrzehnt ins katholisch-konservative Lager und sah als dezidierter Anhänger der Restauration im monarchistischen System den Garant aller christlich-abendländischen Werte.

So ging die deutsche Romantik nicht, wie im übrigen Europa, aufgrund ihres inhärenten Protestpotentials in einen sozialkritisch eingestellten Realismus über, sondern hörte mehr oder weniger auf zu sein. Aus dieser Entwicklungslinie erklärt sich auch die 'Zweiteilung' der Folgezeit, in der das sogenannte Biedermeier eine formale, allerdings apolitische Synthese und Weiterentwicklung der klassischen und romantischen Position verwirklichte, während die revolutionären Ansätze in radikalisierter, vorwiegend unpoetischer Version im literarischen Vormärz wieder zum Ausdruck kamen.
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